Eine Siegener Graffiti-Geschichte

Kapitel II: Hyperaktiv

von Lutz Dehenn

 

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Nahezu eine ganze Dekade haben die Mitglieder von HYPERAKTIV (HA) das Siegener Stadtbild durch Sprühdosen mitgestaltet. Sie setzten neue Maßstäbe in der südwestfälischen Stadt an der Sieg und sorgten für Kontinuität innerhalb der langsam entstehenden Graffiti-Szene. Vor allem die Umsetzung der Idee, im Kollektiv einen Namen häufig zu sprühen, zeichnete sie aus. Zudem waren sie die ersten, die in Siegen nicht selten Graffiti auf Zügen anbrachten. Ihre Arbeit sollte deren Nachzügler maßgeblich prägen und inspirieren. Über die Frage, wer die treibende Kraft von HA gewesen ist, herrscht unumstrittene Einigkeit innerhalb der Mitglieder: ganz klar SYRO.

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Wann es zur Gründung der Crew gekommen ist, welche Namen mit ihr in Zusammenhang gebracht werden, was sie im Speziellen ausgezeichnet hat, aber auch über das Schaffen SYROs vor jener Zeit weiß PUZE zu berichten:

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Bevor irgendjemand HA geschrieben hat, hat SYRO noch ZORN gemalt. Das muss circa 2001 gewesen sein. Die Pieces waren zwar nicht megageil, aber der hat die krassesten Stellen gemalt, zum Beispiel mitten im Hauptbahnhof oder am Stellwerk. Das waren Stellen, die sich zu der Zeit sonst niemand getraut hat, die aber sofort allen aufgefallen sind. So kam man dann auch nach einer Weile mit anderen Sprühern in Kontakt. Einer, zu dem wir damals aufgeschaut haben, war SHAO. Der war Mitglied einer Hardcore-Band und hatte eine Crew. Die haben sich TAM genannt, THE AUTONOMANIACS.

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Als ZORN dann irgendwann nicht mehr aktuell war, tauchten RENO-Bilder in der Stadt und entlang des HTS-Schallschutzes auf. Der Crewname NK stand für NEW KNOWLEDGE. Die Crew hat zwar nicht so wahnsinnig lange gehalten, aber hier haben zum ersten Mal ältere mit jüngeren Sprühern zusammengearbeitet.

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Zwischen 2002 und 2003 ist dann zum ersten Mal SYRO aufgetaucht. Das erste Bild mit dem Namen ist unter der Siegplatte entstanden. Irgendwann haben wir entdeckt, dass man aus Richtung Cinestar ganz leicht unter die Betonplatte kommt und dann mitten in der Stadt an der Sieg entlanglaufen kann. An den Wänden dort haben wir dann ein paar Mal gemalt. Hier ist das erste SYRO-Bild entstanden. Das konnte man später mal für kurze Zeit ohne die Platte sehen, als sie die abgerissen haben. Nur die Pieces waren da schon nicht mehr so frisch.

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Als SYRO dann richtig losgelegt hat, bestand schon Kontakt zu ARON. Der war ein Freund von SHAO und hatte mit dem TAM geschrieben. Nach ein paar Aktionen haben SYRO und er dann HA gegründet. Der Gedanke war von Beginn an: Wir brauchen einen kurzen, knackigen Crewnamen, den man schnell in der ganzen Stadt verteilen kann. HA stand für HyperAktiv, und der Name war dann auch erstmal Programm. SYRO und ARON sind ständig raus und haben Silberbilder gemalt - mitten in der Stadt, an der Zuglinie und an der Autobahn.

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Damals war ja noch überall Platz. Man musste es nur machen. Die beiden haben dann schnell noch andere Leute mitgezogen, und ab 2003 in etwa ging es in Siegen dann rund.

Namen ab dieser Zeit sind SOTA, TEX, SYRO, ARON, VEIL, YAHU, NIX und TUFF und RAUS, TOXIC, BOF, OSON, KREK und ZORE und NOR und STORE, BUBE, GNOM und YA! und VO und YO!, PUZE, CREAM, und ZONE und ARONE und METRONE und VONE, PASTOR, ROSE, ZOTA, ECHO, YAKE, CREM, BOBO, ERIK und GERD - und natürlich O-DOG!
SURO, GATE, und FIZZ und BLITZ, SOTER, und FIZZO und ZIPO und F-IZZ, LONDON, SYR, DEATH, ZIPP, und BUZZ und UZZ und TUPH, PUNI, TOKE, PU und BU, MAPIO, AROS und KURVE, YAM, GLORY, DTS, BOF, GLUTH und SOZE und KEYS und HOOD und GOOD.

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Durch einen Artikel der Siegener Zeitung aus dem Jahr 2001 kann erahnt werden, wie die Polizei die Graffiti-Szene des Siegerlandes eingeschätzt hat und in welcher Höhe die Schäden waren, die Sprüher*innen durch Sachbeschädigungen in der Region verursacht haben.

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Quelle: Siegener Zeitung, 21.03.2001.
 

Die Größe der Crews wird auf „60 Mann“ geschätzt. Es soll „etwa acht“ Crews gegeben haben. Da die Anfänge von HA zeitlich nach der Publikation des Artikels verortet werden können, bleibt die Frage zu klären, wer jene Gruppierungen gewesen sind und ob man die Resultate ihres Schaffens noch heute ausfindig machen kann?

Üblicherweise bestanden die Abkürzungen von Namen der Graffiti-Crews aus drei Buchstaben. HA brach mit dieser gängigen Praxis, indem sie ihr Kürzel auf zwei Buchstaben reduzierten. Über ihre Inspiration und Motivation erzählt PUZE weiter:

Die Idee von HA war es, die Egos mal hintenanzustellen und den Crew-Namen zu pushen. Vom Stadtbild her war so eine Idee von Dortmund-Graffiti unser Vorbild. Dick, blockig und gut erkennbar. Und viel musste es sein.

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Wir wollten versuchen, jetzt mal hier alles vollzubomben und auf Masse Bombings und Pieces zu malen. Es gab viel zu viele freie Stellen an der Line und an der Autobahn. Das heißt, mit der richtigen Motivation konnte man unsagbar viele Spots malen und musste auch keine Angst haben, dass jemand anderes die macht.

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Es gab ein, zwei Leute, die schon stylemäßig gut waren, so wie ARON. Seine Pieces waren sehr früh schon geil und der konnte auch super Characters malen. Man muss schon sagen, dass anfangs viele HA-Pieces eher auf Masse ausgelegt waren. Aber darum ging es ja schließlich auch. Ab ca. 2006 wurde auch die Qualität dann langsam besser.

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Auch SOTA erinnert sich noch gut an die Anfänge und die Motivation von HYPERAKTIV:

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Ich hab` so `96 circa angefangen zu malen, aber schon mit Kanne. Es gab aber niemanden, der mein Interesse teilte. Das war der Grund, warum ich am Anfang so wenig gemacht habe, vielleicht ein- oder zweimal im Jahr. Eigentlich ging es erst so richtig los, als ich SYRO kennengelernt habe, so 2002 rum. Das war auf jeden Fall der Zeitpunkt, an dem es mit der HA-Zeit losging. Da hatte der schon ein paar andere Sachen gemacht, wie ZORN. Als ich ihn kennengelernt habe, wusste ich gar nicht, dass er das war. Dann haben wir zusammen ein Geburtstagsbild für BUZZ gemalt. Das war an der Line, wo das große HYPERAKTIV ist. Da war zu der Zeit relativ wenig, nur DMS und ein paar Sachen von SYRO.

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SYRO war auf jeden Fall für mich der Grund, warum ich irgendwann mal angefangen habe, Graffiti so ernsthaft zu betreiben. Der war insgesamt, was die Crew anging, die treibende Kraft. Der hatte immer Bock und hat einen motiviert. Der war auch ein wichtiges Bindeglied. Ich würde schon sagen, dass der alle zusammengebracht hat. Sowohl was HA angeht, aber auch was Kollaborationen mit anderen Crews betrifft, wie NAV oder CF. Er war auch immer darauf bedacht, dass alle cool miteinander sind und hatte nie mit jemandem Stress.

Alleine wären wir nie auf die Idee gekommen, sowas zu malen. Vor allem, was die Masse angeht.

HYPERAKTIV hat als erste Crew vermehrt den Crew-Namen gemalt, und das ist auch außerhalb aufgefallen, als uns Siegen zu klein wurde. Denn zu der Zeit hat sonst kaum jemand so konstant nur Crew-Bilder gemalt. Es ist natürlich ein Unterschied, ob vier Leute immer ihre eigenen Namen malen oder alle den gleichen.“

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Das Kollektiv unterstrich in den nächsten Jahren durch die Quantität ihrer Aktionen den eigenen Namen: HYPERAKTIV. Obwohl sie die dominierende Instanz im Siegerland gewesen sind, soll das keinesfalls bedeuten, dass währenddessen keine anderen Akteure in der Region aktiv geworden sind. „Irgendwann gab es dann CV und OL, aber die haben sich dann aufgelöst.“, erinnert PUZE.

METU war ein Mitglied von CV und OL. Seine Erzählung über die Geschehnisse jener Zeit gibt einen tiefen Einblick in die Gefahr, der sich die Sprüher aussetzten. Außerdem macht METU deutlich, welche Rolle HA für andere Siegener Graffiti-Interessierte gespielt hat und welche Dynamiken innerhalb der Szene geherrscht haben:

Ich habe so Mitte der 90er zum ersten Mal Graffiti in Siegen wahrgenommen. Das waren aber eigentlich eher Tags. Die ersten Bilder, an die ich mich erinnern kann, waren auf der A 45. Das war dann schon Ende der 90, und das waren Namen wie ENOZ, SICK, CAMEL und SÜD.

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Ich bin so mit 13 Jahren selbst aktiv geworden, das war circa 2000. Ich wusste überhaupt nicht, wie man eine Sprühdose hält, weil ich vorher nur Sachen mit Stiften gemacht habe. Mir war egal, ob das für andere doof aussieht, ich wollte das einfach ausprobieren. Meine erste Crew war OL, OBSZÖNE LEGASTHENIKER. Das war zusammen mit RALEX und VAYZ. Viel zu schnell wussten aber zu viele, dass wir das waren. Deshalb haben wir den Namen in CV geändert. Das stand für CHROMVANDALEN.

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Das war ungefähr zeitgleich mit der HA-Crew. Wir fanden das total geil, in welcher Masse und in welcher Vielfalt die das machen und haben volle Möhre zu denen aufgeschaut.

Einmal haben wir in Eiserfeld an der Line ein Bild gecrossed. Da haben wir später von der HA-Crew auf den Sack bekommen, weil das ein DMS-Crew-Bild gewesen ist und die sogar vor HA da gewesen sind. Später sind SYRO und SOTA hingegangen und haben das Bild dann in deren Style neu gemalt und uns einen Denkzettel verpasst.

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Es wurde immer mehr und die Bilder immer größer. So kam es uns zumindest vor. Dadurch haben dann irgendwann auf Partys mal Gespräche stattgefunden, und die haben uns schon wissen lassen, dass die genau wissen, wer wir sind.
Eines Tages, ich glaube das muss 2003 gewesen sein, hat SYRO bei einem von uns angerufen. Er hat gefragt, wo wir sind und gesagt, dass er uns gleich abholen kommt, wir malen gleich ein Bild zusammen. Und weil der Typ der hyperaktivste Mensch im Siegerland war, war das für uns ein richtiger Ritterschlag! Er hat gesagt: „Am besten packt ihr alle ein paar Chrombüchsen und ein bisschen Schwarz ein“. Dann hat der uns eingesammelt und meinte: „Jungs, was macht ihr eigentlich? Wir können uns nicht gegenseitig den Platz wegnehmen und uns crossen. Wir malen jetzt ein Bild zusammen und schließen Frieden.“

Dann hat der uns mit zur Autobahn genommen. Und das ist bis heute das größte Bild, das ich je gemalt habe.

Wir haben - glaube ich - vier Stunden auf der Autobahn gemalt. Das kannten wir überhaupt nicht. Wenn es hochkam, haben wir mal eine Viertelstunde an einem Bild gemalt. Wir waren vier, fünf Leute und haben, lass mich nicht lügen, 50-60 Meter Wand besprüht. Ich bin währenddessen einmal zur Mittelplanke gegangen, um mir die Ausmaße bewusst zu machen. Ich konnte überhaupt nicht fassen, wie groß das ist.

Im Anschluss hat er uns dann wieder nach Hause gefahren und es lief London Calling von The Clash. Wir haben an der Aral noch bis zum Sonnenaufgang Bier getrunken, weil wir gar nicht klargekommen sind und wussten: Jetzt ist der Kontakt da und jetzt wird’s lustig. Das war 2004 oder 2005.

Auf der nächsten Party konnten wir uns dann auch mit Leuten von der HA-Crew unterhalten, und die haben nicht mehr mit erhobenem Zeigefinger mit uns gesprochen. Dann kam ein Jahr, in dem richtig viel gesprüht wurde, und da wurde, glaube ich, auch eine Graffiti-SOKO in Siegen gegründet. Die HA-Crew ist gewachsen. die Leute sind immer sicherer geworden und haben immer mehr gemacht. Das stand dann auch immer mehr in der Zeitung und es gab die SOKO, aber wir haben uns so totgelacht, dass die da zehn Leute bei den Bullen für abstellen. Wir haben das gar nicht so ernst genommen. Für uns war das keine Straftat. Wir wollten die Stadt bunter machen.

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Dass es sich tatsächlich jedoch um Straftaten handelte, die mit nicht geringen Strafen geahndet wurden, geht aus einem Artikel der Siegener Zeitung aus dem Jahr 2005 hervor:

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Quelle: Siegener Zeitung, 09.03.2005.
 

METU erzählt weiter:

Dann wurde es aber ernst. Die Polizei macht nicht umsonst so eine Sache daraus. Wir wurden ständig angehalten und standen dann auch mal mit 20 Dosen in Stofftaschen da. Die haben uns observiert und auf uns gewartet. Irgendwann kannten wir alle Kennzeichen von den Zivilautos, weil wir immer wieder kontrolliert wurden. Einmal hatten wir Skizzen, Handschuhe und Dosen dabei, die waren aber blank. Die haben alle Dosen beschlagnahmt - Gefahr im Verzug.

Die Skizzen haben die zum Glück nicht gefunden. Wie dumm wir eigentlich waren, dass wir Skizzen dabeihatten. Das war eine Lektion, die wir gelernt haben. Aber das war auch das ultimative Zeichen für uns, dass die uns richtig auf dem Kieker haben.

Das hat dann wirklich fiese Ausmaße angenommen. Nach der 26. Kontrolle habe ich aufgehört zu zählen. Einmal haben die uns vorm Meyer kontrolliert und mit zum Bundesgrenzschutz genommen. Da haben die uns dann eine Stunde sitzen lassen, ohne irgendwas zu sagen. Dann kamen die mit einem Ausdruck von meinem Kennzeichen wieder. Wir mussten uns alle ausziehen, aber dann konnten wir wieder gehen. Aber wir haben weitergemacht, nur waren wir gewarnt.

2006 haben die mich dann gebustet. Da war Der Lange in Siegen und hatte einen Auftritt im VEB.

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Nach der Party haben wir auf dem Weg in die Stadt alles vollgetaggt. Wir haben zwar noch versucht, alles zu verstecken, als wir die Polizei bemerkt haben, aber da war es schon zu spät. Im Endeffekt haben die mich mit nur einer Dose erwischt. Danach haben die eine Hausdurchsuchung gemacht, aber nichts Verwertbares gefunden. Trotzdem stand ein mittlerer, fünfstelliger Betrag im Raum. So weit ist es aber zum Glück nicht gekommen. Als ich am Verhandlungstag zum Gericht gekommen bin, meinte mein Anwalt, dass ich wieder gehen kann. Es gab für das eine Beweisstück, die Dose, mit der sie mich erwischt hatten, keine Asservatennummer - Verfahrensfehler.

Danach haben wir uns aufgelöst. Den Flyer trage ich seitdem immer als Glücksbringer bei mir.

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Nicht nur OL und CV waren während der HA-Ära in Siegen aktiv. Auch andere Sprüher*innen sind nennenswert. Nicht selten kam es dabei zu Kollaborationen mit HA. PUZE ergänzt:

Ab 2004 haben auch RODEO und BIRDS von der TAJ-Crew oft in Siegen gemalt. Der hat zwar nicht lange hier gemalt, aber durch abgefahrenen Comic-Style seinen eigenen Stempel hinterlassen.

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Dann gab es die ganze NAV 129-Ecke. NAV steht für NACHTAKTIV. Namen in dem Zusammenhang sind META, TOXIC, TOKE und REKS. Das war so ab 2003, 2004.

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Ab 2006 konnte man auch vermehrt AHUGA und SENIL von CF (CHROMFIXER) wahrnehmen.

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Ab dem Jahr 2003 wurden zudem vermehrt Züge in und um Siegen besprüht. Besprühte Züge konnten vorher nur beobachtet werden, weil sie an anderen Orten mit Graffiti versehen wurden und dann durch das Siegerland gefahren sind. Welche Namen zu dieser Zeit auf den Modellen zu sehen waren und wie es dazu kam, dass auch die von HA eigens gestalteten Waggons ins Rollen gebracht werden konnten, berichtet PUZE:

Wenn man in Siegen mal ein Graffito auf Zügen gesehen hat, dann weil Siegen im Dreiländereck liegt und aus allen Richtungen Sachen hier eingefahren sind. Das waren Wholecars auf Pendolinos und Stahlern mit Namen wie EPSC, FYE, MB, ULTRA und WERT. Oft sind Sachen aus Richtung Köln von BÖSE, ILL und SMER aufgetaucht. Aus Richtung Hagen kamen Panels von JENGO, JUNI, RADAR und LEBT. Gerade in der Anfangsphase war das immer ein ziemlicher Flash, denn die waren uns in jeglicher Hinsicht weit voraus.

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Aus Hessen sind auch Sachen in Siegen aufgetaucht. Das waren TBML, CAMEL, SÜD oder BAES. Das waren Leute, die seit Jahren krasse Züge gemalt haben und deren Namen man schon aus Magazinen kannte. Die waren auf einem ganz anderen Level unterwegs.

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Und dann dachten wir natürlich: Okay, es ist an der Zeit, dass wir da selber mal mitspielen! So grob 2003 fing es dann an, dass in Siegen auch die ersten HA-Züge gemalt wurden. Das war der RE 16 nach Hagen/Essen und RB 94 oder 96. Und RE9 nach Aachen über Köln. Da wurden am Anfang die ersten Panels drauf gemalt. Das wurde mit der Zeit dann immer mehr und dann hat man sich auch mehr getraut.

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Klar wurden in Siegen auch vorher schon Züge bemalt, so richtig kontinuierlich und von Leuten aus Siegen gab’s das aber erst ab 2003.

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Das wurde dann schnell immer mehr und mehr. Da war SYRO die treibende Kraft. Der hatte da immer Bock drauf und hat die Leute motiviert mitzukommen. Aber der ist da auch alleine hingegangen.

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VONE hat bezüglich der Unerschrockenheit SYROs, auch alleine loszuziehen, eine Anekdote auf Lager:

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Ich bin mal Sonntag mittags - irgendwann im Hochsommer - mit dem Fahrrad hinter dem Bahnhof unter der HTS lang gefahren. Ich war auf dem Weg zu einem Freund. Hinter dem Bahnhof, Richtung Schemscheid, hab’ ich dann - wie immer - über den Fluß zu den „Kurzen“ geschaut. Da stand ein Typ in der prallen Mittagshitze auf einem Zugdach, komplett in schwarz, Sturmhaube auf und hat wie wild Fotos geschossen. Anhand der Statur und den viel zu schnellen, hundertfach erprobten Bewegungsabläufen hab ich dann erkannt, dass das nur der eine Schlingel sein kann. Ich hab ihn dann beobachtet und darauf gewartet, dass er mich bemerkt, was nach wenigen Sekunden der Fall war. Die Faust in die Höhe zum Zeichen des gegenseitigen Erkennens. Zwei Fotos, ein Sprung und eine gekonnte Kletteraktion über den reißenden Fluß später und wir standen uns gegenüber. Er fing dann in alter Manier sofort an zu erzählen: “Ey yo, was geht? Musste noch schnell Fotos machen. Ich war heut’ morgen noch schnell hier einen machen, keine Kamera dabei. Was geht bei dir? Wann sehen wir uns später? Wo willste jetzt hin? Mega gut, guck ma hier Fotos…”. Als er dann das erste Mal Luft holte, konnte ich hektisch „Bruder, jetzt zieh erstmal die verdammte Sturmhaube ab, wir sind hier Zivilisten“ zischeln. Schnelles gemeinsames Kaputtlachen, schnelle Umarmung, weg war er… und zwar schnell.

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PUZE:

Am Anfang war man einfach froh, dass man da heil wieder rausgekommen ist. Aber als wir gemerkt haben, dass das klar geht, haben wir auch größere Sachen gemacht.

Wenn da zwei Züge in einer Reihe standen, haben wir auch direkt beide gemacht.

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SYRO wollte dabei immer dicker und nochmal größer und hatte die wildesten Vorstellungen. Eigentlich ging es immer nur darum, ob der jemanden findet, der Bock hat, bei seinen Ideen mitzumachen. Aus einem abgesprochenen end-to-end wurde dann auch mal spontan ein Wholecar. Die Buchstaben müssen ja nur ein bisschen verlängert werden und den Hintergrund zieht man eben etwas höher. Zur Not hat SYRO einen auf die Schultern genommen, dann klappt das schon!

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Ab 2010 wurde es in Siegen ruhig um HA. Wie es dazu kam, berichtet SOTA:

So circa ab 2010 haben die meisten sich dann auch aus Siegen verabschiedet. Ich weiß noch, dass ich aus Siegen wegwollte, weil die meisten schon weg waren. Die sind irgendwo studieren gegangen oder waren mit dem Studium fertig. Zu der Zeit hat sich dann alles stark aus Siegen raus entwickelt. Ab und zu haben dann hier nur noch vereinzelte Aktionen stattgefunden.

So kam es, dass eine Weile keine neuen Graffiti mehr in Siegen beobachtet wurden.
Nach der Ära von HA wurde es still um die Subkultur in Siegen. Doch inspiriert durch das Schaffen von HYPERAKTIV formierte sich eine neue, junge Crew und schaffte es, der Siegener Graffiti-Szene wieder etwas Bewegung einzuhauchen. VP - VOLLE PULLE oder auch VANDAL POWER wurde gegründet und die Mitglieder waren bereit, auf den Spuren ihrer Vorbilder zu wandeln. Mehr dazu in Kapitel III.

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31 Glossar Scan

Bombing: Auf Masse ausgelegtes sprühen vieler Graffiti, meist ohne hohen Wert auf Qualität

Busten: Von der Polizei erwischt werden

Character: Eine gesprühte Figur, kein Schriftzug

Crossen: Sprühen über das Bild/Tag anderer Writer

End-to-end: Besprühen eines Waggons von einem Ende zum anderen

Line: Zugstrecke

Panel: Einzelnes Graffito auf einem Zug

Piece: Allgemeine Bezeichnung für ein meist mehrfarbiges Graffito

Style: Individuell bestimmte ästhetische Ausprägung von Graffiti

Wholecar: Besprühen eines ganzen Waggons von einem Ende zum anderen und von oben nach unten

(2021)

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